The True Cost – Who pays the price for our clothing?

Wer kennt das nicht? Die nächste Party steht an und wir wissen nicht was wir anziehen sollen. Also ab in die Stadt. Und da im Portemonnaie wieder Flaute herrscht, ab zu C&A, H&M und Co. Das schlechte Gewissen im Hinterkopf halten wir klein, denn wir können uns Bio und Fair Trade ja eh nicht leisten. Wir sind also gezwungen bei den günstigeren Firmen zu kaufen. Aber welchen Preis zahlen andere dafür? Der Film „The True Cost“ von Andrew Morgan zeigt genau das auf, denn auch wenn wir alle wissen, dass die Modeindustrie nicht immer ethisch korrekt handelt, so ist den meisten das Ausmaß der entstehenden Schäden nicht bewusst.

In unserer Gesellschaft leben wir im Überfluss und haben trotzdem immer das Bedürfnis nach mehr.
In unserer Gesellschaft leben wir im Überfluss und haben trotzdem immer das Bedürfnis nach mehr.

Die Hirnwäsche der Modeindustrie

Die Werbung vermittelt uns tagtäglich, dass man mit Konsum seine Probleme beheben kann. Trägst du die neusten Schuhe, das hippe Deo oder benutzt das richtige Shampoo wirkst du unwiderstehlich auf andere, bist beliebt und siehst toll aus. Moderne Propaganda. In unserer schnelllebigen, westlichen Welt sind wir nur zu bereit uns dieser Illusion für einen kurzen Moment hinzugeben und Befriedigung zu erlangen. Doch diese hält nicht lange an, sodass wir ununterbrochen konsumieren, um uns selbst einzureden, dass es uns gut geht. Gerade die Mode ist zum Vorreiter der Schnelllebigkeit geworden. Wir kommunizieren unsere Identität, unseren Status, unser Empfinden über unsere Kleidung. Fast Fashion ist das Schlagwort in aller Munde. Wo wir früher noch zwei Saisons im Jahr hatten, gibt es inzwischen jede Woche einen anderen Trend, dem wir folgen müssen. Die Verkaufszahlen steigen durch die Decke und unser Kleiderschrank platzt aus allen Nähten. Doch wohin mit den ungetragenen „alten“ Klamotten? Verkaufen lohnt sich oft nicht, also werden sie weggeworfen.

Glückliche Frauen nach einem Shoppingtrip. Sie symbolisieren Sorglosigkeit und Zufriedenheit.
glückliche Frauen nach einem Shoppingtrip. Sie symbolisieren Sorglosigkeit und Zufriedenheit.

Wegwerfkleidung

2010 wurden in Deutschland über 100.000 Tonnen Kleidung erfasst, die über den Müll entsorgt wurden – und dies ist nur ein Bruchteil. In den USA waren es 2014 sogar 11 Millionen Tonnen. Der Großteil dieser Kleider besteht aus synthetischen Polymeren und ist damit biologisch nicht abbaubar. Das bedeutet, dass die Textilien mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte auf den Müllkippen verbleiben, bevor sie verrotten oder aber verbrannt werden müssen. Also spenden denken sich die meisten. Aber nur ein kleiner Anteil der gespendeten Kleidung wird in heimischen Regionen verkauft. Dies beinhaltet die qualitativ hochwertigen und gut erhaltenen Stücke. Alles was übrig bleibt wird in Kisten gepackt und mit hohen Transport- und Energiekosten in dritte Welt Länder gebracht. Dort wird die Ware für Kilopreise an die Einheimischen verkauft. Was in den Kisten enthalten ist, sehen diese erst hinterher. Die Folge ist ein Überschuss an Kleidung schlechten Zustands und schlechter Qualität sowie ein massives Sterben der ansässigen Textilindustrie (ausgenommen der Exportfirmen) in den betroffenen Ländern.

Einheimische aus Bangladesch in einem Berg von Altkleidern, die sie den westlichen Firmen abgekauft haben
Einheimische in einem Berg von Altkleidern, die sie den westlichen Firmen abgekauft haben

Outsourcing

Doch Fast Fashion hat noch weiter Nebenwirkungen. Der Bedarf an billiger Kleidung auf dem westlichen Markt ist inzwischen so hoch, dass die Industrie gezwungen ist schneller und gleichzeitig günstiger zu produzieren. Wo in den 60ern noch 95% der in den USA verkauften Mode auch dort hergestellt worden ist, sind es heute gerade einmal 3%. Outsourcing extreme. Auf Grund günstiger Produktionskosten lagern die großen Konzerne ihre Produktion in Länder wie China, Indien, Bangladesch oder Kambodscha aus. Doch was bedeutet das für die Bevölkerung? Laut den Modefirmen schafft diese Auslagerung zahlreiche Arbeitsplätze, die den Menschen einen Ausweg aus dem Elend und eine Perspektive geben. Doch ist das wirklich der Fall?

Textilarbeiterinnen aus Kambodscha
Textilarbeiterinnen aus Kambodscha

Eine Perspektive unter Trümmern

Zunächst müssen wir uns fragen, was Perspektive denn genau heißt. Laut Duden ist es die Aussicht auf eine Zukunft. Doch was für eine Zukunft hat man, wenn man bei einem Arbeitsunfall seinen Partner oder das eigene Leben verliert? In vielen Fabriken werden Sicherheitsstandards und baufällige Gebäude ignoriert, da Extrakosten in der Produktion den Verkaufspreis des Endprodukts steigern würden. Das Wiederum würde die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Firma senken und den Gewinn reduzieren. Durch die Ignoranz der Konzerne kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Der 2013 in Bangladesch eingestürzte Rana-Plaza-Komplex beispielsweise forderte das Leben von 1138 Textilarbeitern, obwohl diese zuvor ihre Bedenken auf Grund des den maroden Zustands des Gebäudes dem Management gegenüber geäußert haben. Auch wenn dieser Fall in unseren Medien sehr präsent gewesen ist, so sind es viele andere nicht. Doch es ist leider kein Einzelfall. Jährlich sterben tausende von Menschen durch Einstürze oder Feuer in Fabriken, die durch nicht eingehaltene Standards entstanden sind.

Trümmer des Rana-Plaza in Bangladesch nach dem Unfall 2013

Fernbeziehung Familie

Ein anderer Punkt der Perspektive ist es, eine Familie zu gründen und seine Kinder großziehen zu können. Doch auch diese Möglichkeit haben viele Textilarbeiter nicht. Oftmals werden die Kinder gezwungenermaßen in den Dörfern bei den Alten gelassen, da die Eltern von früh bis spät an den Nähmaschinen sitzen. Urlaub, Wochenenden oder bezahlte Überstunden gibt es in der Regel nicht und in den Fabriken ist es oft zu gefährlich für die Kinder. So kommt es, dass viele Eltern ihre Kinder nur ein bis zweimal im Jahr sehen. Die Meisten sparen jeden Cent, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, doch bei Löhnen von durchschnittlich 3 Dollar pro Tag bleibt dafür nicht viel übrig.

Get Up, Stand Up

Immer wieder bilden sich unter den Arbeitern Gruppen, die gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestieren – nicht nur auf der Straße, sondern auch in Form von Briefen an die Vorgesetzten oder der Bildung von kleinen Gewerkschaften. Doch das Ergebnis ist immer dasselbe. Jeglicher Protest wird unterdrückt, oftmals auch mit roher Gewalt. 2014 wurde in ganz Kambodscha wochenlang für einen fairen Lohn protestiert, bis die Proteste von der Militärpolizei mit großer Härte niedergeschlagen wurden. Es gab zahlreiche Verletzte und auch einige Tote. Die Hauptstadt glich tagelang einem Kriegsszenario. Doch das alles passiert weit außerhalb der Sichtweise der westlichen Welt und die großen Firmen wissen das. Ihr Impuls zur Kapitalanhäufung führt zu einer Massenverelendung der dortigen Bevölkerung.

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Textilarbeiterinnen in Bangladesch protestieren gegen die schlechten Arbeitsbedingungen

Die Chemiekeule

Doch es gibt noch weitere Punkte, die sich dem direkten Blick der Öffentlichkeit entziehen. Nicht nur die sozialen Bedingungen im Modebusiness sind katastrophal, sondern auch die ökologischen. Wer schnell viel produzieren will, muss eine große Menge an Ressourcen verwenden. Die Modeindustrie setzt somit auf günstige, schnell nachzuliefernde Rohstoffe. Im Fall der Baumwolle werden extra schnellwachsende Pflanzen gezüchtet. Das Entfernen der natürlichen Schädlinge und Unkräuter wird von Pestiziden übernommen, um Zeit und Arbeitskräfte zu sparen. Doch diese Pestizide haben massive ökologische Nebenwirkungen. Sie stören das lokale Ökosystem, sodass die Böden ausgelaugt und unfruchtbar werden. Sie vergiften jedoch nicht nur den Boden und die Luft, sie geraten auch ins Trinkwasser und machen die Menschen, die in der Umgebung leben krank. In Indien gibt es zahlreiche Dörfer, die exorbitant hohe Raten an Fehlgeburten, geistigen Behinderungen und Krebserkrankungen haben. Oftmals ist die medizinische Versorgung in diesen Regionen so schlecht, dass die Eltern hilflos zusehen müssen, wie ihnen die Kinder unter den Händen wegsterben. Doch laut der Modeindustrie hängen diese Häufungen nicht mit den von ihnen eingesetzten Stoffen zusammen. Eine besonders hohe Verseuchung der Umwelt gibt es auch in den Gebieten um die Lederindustrie. Durch hochgiftige Gerbmittel leidet fast jeder zweite Bewohner an schweren Leberschäden, die nicht behandelt werden. Die Flüsse dort sind verschmutzt und das Land wird unfruchtbar. Doch das sind Kosten, die die Konzerne nicht tragen müssen. Dabei ist die Modeindustrie nach der Ölindustrie der zweitgrößte industrielle Verschmutzter der Welt. Die Größte Last und das größte Risiko liegt am Ende der Wertschöpfungskette – bei den Arbeitern.

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Der stark verschmutzte Ganges in Indien. Die enthaltenen Chemikalien sind extrem giftig für Mensch und Umwelt.

Lösungsansätze

Doch was können wir tun, dass es den rund 40 Millionen Textilarbeitern weltweit besser geht? Welchen Beitrag können wir leisten, damit die Industrie zum Umdenken gezwungen wird und auf die Umwelt und die Menschenwürde achtet? Zu allererst muss uns bewusst werden, dass wir als Kunden auch Verantwortung tragen. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, was real ist und was nur Illusion. Indem wir dem Ruf der Modeindustrie folgen, unterstützen wir die soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in den Produktionsländern und die Zerstörung der Umwelt. Wir sehen nur das fertige Produkt und die Zahl auf dem Preisschild, aber nicht die Kosten, die dahinter stehen. Wir müssen uns verändern, wenn wir die die Welt für unsere und folgende Generationen besser machen wollen. Natürlich ist ein Fair Trade Pullover teurer, aber brauchen wir denn wirklich jede Woche einen Neuen? Ist es uns wirklich Menschenleben wert, immer im neusten Trend gekleidet zu sein? Warum willst du dein gelbes T-Shirt wegwerfen, wenn es dir nicht mehr gefällt? Färbe es grün, schreib dir nen coolen Spruch drauf oder upcycle es durch einen neuen Schnitt. Wofür gibt es YouTube? Sei Kreativ und wirf nicht weg, was noch gut ist.

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Kauf Second-Hand Kleidung. Da sind oft wahre Schätze dabei. Boykottiere Fast Fashion und zwinge somit die Modeindustrie dazu nachhaltig zu produzieren. Du als Verbraucher hast die Macht etwas zu verändern und wir müssen dringend etwas verändern, denn wir leben alle auf demselben Planeten, wir sind alle gleich viel wert und niemand hat das Recht für seinen persönlichen Luxus das Leben anderer zu verbrauchen.